“Hömma Schätzken, weisse noch…

…als unserem damaligen polnischen Nachbarn „Pavel“ genau am Sylvestertach die Hütte halb abgefackelt is? Okay, an einem solch arschkalten Tach ist man für jeden Grad mehr inne Bude dankbar, aber warum denn gleich auf sone extreme Art, indem man mit brennender Zigarettenkippe in der Furzkiste einpennt? Zudem soll es ja Unglück geben, wenn man an diesem Tag das Feuerwerk mehr als eine Stunde eher beginnt…. behauptete zumindest meine Mutter imma.

Da Pavel gerade erst ein paar Tage hier wohnte, kannte er kaum eine Menschenseele und hatte darum auch keine „Kumpels“ und von Familienangehörigen ganz zu schweigen, denn er kam aus einer Ecke Polens hergezogen, die nicht einmal auf einer Landkarte eingetragen war.

Zum Zeitpunkt des gelöschten, uneingeplanten Fegefeuers in seinem Schlafzimmer kannten wir Pavel etwa zwei Wochen… weniger persönlich, denn er konnte eh kaum ein Wort Deutsch sprechen.
Aber was wir sahen, reichte uns. Er war so ein richtiger Schwiegermuttertyp … sah etwa so aus wie Till Schweiger mit dem Körper von Sylvester Stallone in Bestform … bloß ganz anders: Auf knapp 1,80 Meter Körpergröße geschätzte 52 Kilo Bruttogewicht – ohne Verpackung also noch gute drei bis vier Kilo weniger – wenn er grad die schweren Unfallverhütungsschuhe mit den Stahlkappen trug (in diesem Falle stimmt die Figurbeschreibung tatsächlich).
So stand er nun vor mir an diesem Sylvestertag, als ich mir an der Trinkhalle gerade die Bildzeitung kaufte und er bei knapp minus 10 Grad in seinem T-Shirt bibberte wie ein Zitteraal.

„Na Pavel, alte Stehlampe – watt hasse gemacht und warum qualmst Du noch ausse Nasenlöcher? Energieeinsparungsversuche – oder ist das Tischfeuerwerk ein wenig zu groß ausgefallen?”
Dass es bei IHM gebrannt hatte, wurde mir kurz zuvor am Schalter des Kiosks erzählt, wo man stets über die Neuigkeiten der Umgebung informiert wurde. Außerdem kämpften die Feuerwehrmänner ein paar Meter weiter immer noch mit der Löschung seines Oberbetts, welches er mit viel Mühe mit etwa 5 Kilogramm Plastiktüten ausgestopft hatte, damit es schön kuschelig war, wobei die Betonung auf „war“ liegt. Ich glaube, keiner von den Feuerwehrmännern hatte jemals zuvor soviel Rauch aus einem brennenden Oberbett steigen sehen.

Als ich ihm dann in die Augen schaute, tat er mir doch etwas leid, denn mir fiel auf…. Irgendwas fehlt in seinem Gesicht! Wo waren bloß seine Haare und die Augenbrauen geblieben, die er noch am Vortag so dicht trug… und wo war nur der Oberlippenbart? Irgendwie erinnerte mich Pavel in diesem Augenblick ein wenig an Kojak … wenn da nicht die „nur“ knapp 50 Kilo Lebendgewicht gewesen wären. Pavel erklärte mir mit Händen und Füßen sowie einer Alditüte in der Hand (worin er sein ganzes, gerettetes Hab und Gut hatte – Zigaretten, Feuerzeug, eine Geldbörse und ein paar Socken) wild gestikulierend, dass er seine Haarpracht beim Versuch, das brennende Oberbett aus dem Fenster zu werfen, verloren hatte. „Mich tutt wäh ganze Gähsicht“, jammerte er ständig.

Trotz all dieser Ironien wusste ich genau, was ich zu tun hatte, und außerdem wollte ich Pavel ja sowieso nur etwas aufmuntern. Da seine Bude durch den Brand ja nun stank wie ein frisch gefüllter Holzkohlebeutel, bot ich ihm an, bei uns ins neue Jahr zu feiern, was er mit einer Träne in den Augen dankend annahm. Natürlich wies ich ihn darauf hin, dass alle hochwertigen Küchengeräte an den Wänden festgekettet wären und sämtliche Wertpapiere über Nacht bei meinen Eltern liegen würden.

Endlich sah ich wieder das Lachen in Pavels Gesicht, was ich doch so oft von ihm kannte.

Gesagt wie getan, unser polnischer Nachbar schellte um Punkt 19 Uhr, wie abgemacht – aber wie sah er aus? Genau so beschissen wie noch knapp 9 Stunden zuvor unten am Trinkhallenschalter. Wie sollte er sich auch ohne Strom und mit etwa fünf Kubikmeter Löschschaum in der Wohnung frisch machen, wie konnte ich das vergessen?

Also schickte ich Pavel erstmal unter die Dusche und versprach ihm frische Klamotten, aber da begann ein Riesenproblem! Ich mit meinen knapp 100 Kilos wollte einen Spargeltarzan einkleiden, der gerade mal die Hälfte wog. Leider besaß ich nicht mehr meinen Kommunionsanzug, denn der hätte ihm bestimmt prima gepasst; also machte ich mich auf der Suche an Orten, wo ich zuvor viele Jahre nicht mehr war: auf dem Dachboden in den Umzugskartons, wo ich noch etwas Brauchbares fand.

Okay… die Hosenbeine des Jogginganzuges waren etwas lang, aber mit ein bissken gutem Willen und Hosenträgern aus meiner Jugendzeit war das Problem fast gelöst. Das kurzärmelige T-Shirt mit der Aufschrift „I AM A TERMINATOR“ ähnelte eher einem langärmeligen, aber in der Not frisst der Teufel bekanntlich auch Fliegen. Meine Schuhe (Größe 45) an einem Fuß von maximal Größe 38… naja, wie soll ich sagen…. Er glich einem Zirkusclown oder zumindest jemandem, der übers Wasser laufen konnte. Gerne hätte ich gesehen, wie ihm meine heiße Unterwäsche stand, aber lassen wir datt getz lieber!
Irgendwann um fünf Uhr morgens löste sich die Feier auf und Pavel ging nach Hause, obwohl wir ihm unsere Couch als Nachtlager angeboten hatten. Ich glaube, er tat es, weil es ihm peinlich war, uns so in Anspruch genommen zu haben – was wir aber gerne taten. Er verschwand mit meinen Sachen und seiner von Dir frisch gewaschenen Wäsche sorgfältig in eine Tasche gefaltet und…
… wir sahen ihn nie mehr wieder.
Pavel, alte Stehlampe… mach’s gut… wenn Du irgendwann mal diese Zeilen lesen solltest: Meinen Jogger kannst Du behalten, genau wie datt T-Shirt, meine Unterwäsche und die fast nagelneuen Turnschuhe. Vielleicht bisse ja mittlerweile in die Sachen reingewachsen, aber denk dran: Nach 15 Jahren sind sie aus der Mode!

Achso… noch was: Seit diesem Tage vermisse ich die dicke Eisenkette, mit der ich die Waschmaschine diebstahlsicher gemacht hatte. Scherz am Rand… weisse noch, Schätzken?

Der Autor Norbert van Tiggelen

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